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Samstag, 14. Dezember 2024

Traueranzeigen für Dinu Popa


 


Samstag, 7. Dezember 2024

R.I.P. Dinu Popa

Mein Bruder, der Frankfurter Buchhändler und Verleger Dinu Popa ist vorgestern Vormittag nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren gestorben. 

In Paris am 3. Oktober 1952 geboren, wuchs Popa als Displaced Person rumänischer Herkunft in München auf, bevor er nach Frankfurt am Main zog. Seit 2010 betrieb er in der Eckenheimer Landstraße 352 die Buchhandlung CAMP. Bücher & Espresso. Davor viele Jahre die Buchhandlung Buch & Billig in der Berger Straße 122, die zeitweise auch als Librairie Française diente. 

In den 2000er-Jahren präsentierte er sich außerdem in München auf meine Initiative hin wiederholt unter dem Namen 100 Tage Bücher mit einer Pop-up-Buchhandlung für vergriffene Titel aus aller Welt, für „Absurdes, Komisches und Vergessenes“ (BuchMarkt). Mit diesen Büchern handelte er auch weltweit online. 

Als Verleger veröffentlichte er im von mir übernommenen Popa Verlag unter anderem Enrique Vila-Matas („Dada aus dem Koffer – Die verkürzte Geschichte der tragbaren Literatur“, „Ein Haus für immer – Memoiren eines Bauchredners“), Cecilie Løveid („Dame mit Hermelin“), Lars Saabye Christensen („Yesterday“), „Barbie – Ihr Leben & ihre Welt“ von BillyBoy* und „Das Handbuch der Holographie – Wie mache ich Hologramme selber?“ 

Die Münchner Abendzeitung schrieb über meinen Bruder: „Die Welt ein ästhetisches Phänomen. Der Blick fällt auf Luxus und die Kunstmäßigkeit eines Gegenstands, einer Erscheinung. In dieser Welt lebt und arbeitet Dinu Popa. Die sechs Lizenz-Ausgaben, die seit 1986 jährlich in seinem Kleinverlag erscheinen, sollen exklusive Freude bereiten. Und die fängt bei der Gestaltung der durchgestylten Bände an.“ 

Das Konzept seiner Buchläden beschrieb er dagegen gegenüber dem Börsenblatt: „Es sieht aus wie in Rumänien.“ Das Zitat stammt ursprünglich von unseren Bruder Dan, der so – nicht freundlich gemeint – bei seinem ersten und einzigen Besuch der 100 Tage Bücher den Laden beschrieb. Dinu und ich münzten diesen vermeintlichen Diss offensiv um und nutzten ihn gern zur Selbstcharakterisierung.

Eine Version dieses Textes erschien online im „BuchMarkt“.
Stefan Haucks Nachruf im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“.
Ein paar ungeordnete Gedanken und Erinnerungen anläßlich des Todes meines Bruders Dinu Popa (nichts für Empfindsame und wahrscheinlich to much information).
Der Nachruf des Literaturagenten Markus Michalek (AVA) auf meinen Bruder.
Christel Hildebrandt, die für den Popa-Verlag Lars Saabye Christensens Roman „Yesterday“ übersetzt hat, erinnert an den Buchhändler und Verleger Dinu Popa.
Die Trauerfeier findet am 10. Januar um 14 Uhr in Frankfurt-Eckenheim statt.
(Foto: Peter Eising)

Freitag, 2. Juni 2023

Mentoring

Markus Michalek ist zum Geschäftsführer der Schwabinger Literaturagentur AVA International befördert worden. Aus diesem Anlass hat ihn Johannes Engelke, Lektor bei Droemer Knaur, im „BuchMarkt“ porträtiert und auch Michaleks Tätigkeit bei unseren 100 Tage Bücher erwähnt. Wobei Michalek nicht nur als Verkäufer in unserer Buchhandlung gearbeitet hat, sondern auch der Hausautor war.

Freitag, 16. April 2021

Ioan Dragu: „Campania anilor 1916–1918“

Ioan Dragu: „Campania anilor 1916–1918 Drumuri de sânge. Moartea albă. Pe urmele bolșevicilor“. 

Humanitas , Bucureşti, 47 RON
100 Tage Bücher, München, 10,90 €
 
In München ab sofort Abholung oder Zustellung möglich. Sonst Versand. Demnächst auch bei Amazon, dort aber 20 €.




Donnerstag, 30. April 2020

R.I.P. Cajo Liesenberg

Anzeige aus dem „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ 19/2020 vom 6. Mai.
Nachruf des „BuchMarkt“

Sonntag, 24. Mai 2015

BoundCon 2015 – First Look (Updates)

Aufbau der BoundCon XII im Münchner Zenith.

Neben neuen und antiquarischen Büchern präsentierten wir auch heuer wieder erotische Zeichnungen von Kerstin S. Klein. Sie hatte dafür eigens eine Stellwand geschreinert.

Nach erfolgreichem Aufbau unseres Stands stießen Kerstin und ich mit Bier an.

Toby, Verena und Andrea – die Organisationscrew von Nachtschatten, dem Münchner BDSM- und Fetisch-Filmfestival.

Nur eines der zahllosen schönen Tattoos unserer Kunden.

Puschel hinter Gittern.

Latex Lucy aka Rubberpassion zu Besuch an unserem Stand. Eine eindrucksvolle Begegnung. (Das Bild war zu gewagt für Blogspot. Aber ihr findet es hier…)

Eine Cosplayerin lieh mir kurz ihren Panda.

Selbst bei der zweiten, dritten Begegnung mit der Frau in Schwarz, als ich schon längst wußte, wer sich dahinter verbarg, löste die Leder-Baroness bei mir Gänsehaut aus.

Von den Buttons des Nachtschatten-Filmfestivals sind ein paar sogar übrig geblieben. Wer will?

Dresscode Hipster?

Manchmal mutierte unser Stand zur Showbühne und sich zufällig Begegnende fesselten einander.

An anderen Ständen in der Halle wie etwa hier bei SM Only wurde weit mehr auf Äußerlichkeiten geachtet und Ton in Ton inszeniert.

Alles so schön bunt hier bei Fred Kyrel.

So schöne Bücher zur Auswahl, aber keine Hand frei.

Sonntag, 21. Dezember 2014

100 Tage Bücher hie und da

2014 brachte das Comeback der 100 Tage Bücher: In der Originalbesetzung als dreitägiger Quickie im Mai auf einer der größten Fetischmessen Europas, der BoundCon. (Da sind wir auch 2015 wieder dabei, vom 22. bis 24. Mai).
Und als Kopie beim Kollegen Christian Hammer, der bei unseren Durchläufen 2007 und 2009 ein gern gesehener Gast war, mit uns auch einmal die Möglichkeit diskutierte, unser Konzept bundesweit auszubauen. Nun hat er heuer in Augsburg seinen „Großen Büchermarkt“ eröffnet, ein modernes Antiquariat, wo neben dem normalen Ramsch im Erdgeschoß eine Etage höher der Ramsch des Ramsches unter dem Slogan 100 Tage Bücher angepriesen wird. Das haben wir nun doch wirklich nicht verdient...

Mittwoch, 21. Mai 2014

Fetischkunst von Kerstin Klein für die BoundCon

Neben dem originellen Sortiment an Büchern wird es bei uns auf der BoundCon auch Originale geben: Zeichnungen, die die Münchnerin Kerstin Klein eigens für die Fetischmesse angefertigt hat. Die Künstlerin wird während der Ausstellung anwesend sein.

Dienstag, 13. Juli 2010

CAMP. Bücher & Espresso

Am 5. August eröffnet mein Bruder Dinu seine neue Buchhandlung „CAMP. Bücher & Espresso“ in Frankfurt. Der Laden in der Eckenheimer Landstraße 352 bietet auf einer Verkaufsfläche von 100 Quadratmetern Novitäten, Neuentdeckungen und im internationalen Antiquariat das auch aus den 100 Tage Büchern bewährte Absurde, Komische und fast Vergessene. Da literarische Hochflüge und Kaffeespezialitäten sich bestens ergänzen, werden in der Espresso-Bar Kaffeeangebote bereitgehalten sowie Tees, Kakao, Kaltgetränke und Snacks.

Dinu betreibt seit den achtziger Jahren den ursprünglich von mir gegründeten Popa Verlag und war 13 Jahre lang Inhaber der Buchhandlung „Buch & Billig“ in der Berger Straße in Frankfurt.

Zur Eröffnung wird der Frankfurter Journalist Holger Ehling aus seiner „vergnüglichen Untersuchung des englischen Lebenswandels“ (Journal Frankfurt) lesen: „England, glorious England - Annäherung an eigenwillige Verwandte“ (Ch. Links Verlag). Der Eintritt ist frei.

Samstag, 5. Dezember 2009

Noch 27 Tage

Um sich auf seine Lesung morgen besser einstimmen zu können, hat der Hans bereits gestern im Buchladen Quartier bezogen. So kann ich jetzt auch die Einnahmen vom Adventssamstag heute über Nacht im Laden lassen. Also nicht vergessen: Bücherbar zu Ehren Kurt Tucholskys am Nikolaus-Sonntag von 17 bis 19 Uhr. Spirits, cocktails & a dash of „Rheinsberg“. Es lesen die Schauspieler Gabrielle Scharnitzky und Hans Brückner. (Update: Bilder und Video der Lesung.)

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Noch 85 Tage

Ein großer Tag für alle Deutsch-Rumänen. Frank Rastel, Siebenbürger Sachse und vormals Stammkunde in der Barer Straße, übernimmt ab heute die Donnerstagsschicht im Laden. Und dann war noch etwas mit einer Deutsch-Rumänin, was war das gleich wieder, hmmmm

Mittwoch, 30. September 2009

Noch 93 Tage

Aktfotograf Thomas Karsten mit Begleitung

Dienstag, 29. September 2009

Noch 94 Tage

Ab heute steht jeden Dienstag nachmittag Markus Michalek aka Kapinski für mich im Laden. Wenn ich mir seine Ausrüstung (Silberbaby, Gitanes Maïs, Wrigley's Extra) anschaue, scheint er fast mein Mini-Me zu sein.

Sonntag, 20. September 2009

Erste Ladung für den Laden

Sesam öffne Dich!


Mit Schwund mußt rechnen: Einer der beiden bei Hilpoltstein geplatzten Reifen (Autoverleih Buchbinder).




Donnerstag, 3. Januar 2008

Short Stories (5): Brennen

(für Wanda)

„morgen wirst du dich nicht mehr bewegen können, das verspreche ich dir“

Er lachte lauthals auf. Darauf freue ich mich, sagte er. Ich sehe sie an, die beiden, wie sie in den entgegen gesetzten Enden einer abgewetzten Ledercouch sitzen. Die Körper einander zugewandt. Die Augen in die des Anderen gebohrt. Als würden sie nur darauf warten, dass es geschieht. Sein Kopf dreht sich in meine Richtung und die Vorfreude ist nicht zu übersehen. Das Morgen. Dann, ihre Nasenflügel zittern leicht, sie atmet und ihre Gedanken weilen in der Zukunft. Meine Arme schmerzen, sagt er und meine Beine auch. Beide lachen. Wann hörte ich das letzte Mal diesen Satz von einer Frau? Nicht, als ich mit Wanda in die Berge wollte, dort keuchten wir uns beide die stadtverlassene Lunge aus dem Leib. Leib. Kennt ihr Majakowski, frage ich, und seine Wirbelsäulenflöte? Sie blicken mich an und in ihren Augen nur die stumme Verachtung der Glücklichen, dass ich es gewagt habe, das Band zu unterbrechen, dass sie beide aus den Ecken in die Mitte ziehen wird. Oder die Melancholie der Ziehharmonika, wenn sie einsam an einer Straßenecke von einem längst vorübergegangen Lächeln erzählt? Lass uns mit deinem Pathos in Ruhe, sagt er und sie lächelt nur, lass ihn, er hat ein gebrochenes Herz und einen Tripper vielleicht noch drauf, werfe ich ein. Jetzt lachen wir alle. Ob er noch von Wanda ist, oder von einer Anderen? Aber spielt das eine Rolle, frage ich mich, warum gehst du nicht zu einem Arzt, sagt er. Weshalb sollte ich, warten wir doch erstmal auf das Morgen. „Gestern hast du das schon gesagt, und ebenso vorgestern“. Das Gestern, das Morgen, was interessiert mich das? „Ich weiß“. Du bist ein Idiot, willst du, dass du unfruchtbar wirst, nichts mehr mit deinen Kinderwünschen für später, oder willst du, dass dir langsam der Schwanz abfault. Quatsch, sage ich. Es brennt nur ein bisschen, nicht annähernd so stark, wie ein gebrochenes Herz. Herzen brennen nicht, wenn sie gebrochen sind, sie bluten, sagt sie. Lass mich mit deinem Pathos zufrieden, sage ich. Will noch jemand einen Schluck, fragt er. In der Mitte, die Magnumflasche, erst zur Hälfte geleert, drei Tage alt, aber es schmeckt noch. Es prickelt noch. Leiser. Aber es prickelt noch. Ich muss los, sage ich. Dann verschwinde, antwortet er. „Nach einer Zigarette“ und ich greife in meine Tasche, ziehe Kippen und einen Zettel heraus. Also, Wirbelsäulenflöte, lese ich vor.

Verschon uns bitte. Siehst du nicht, dass wir glücklich sind? Natürlich und deswegen schenke ich euch das. Als Dreingabe sozusagen. Wenn es sein muss, aber mach schnell, sagt sie. Achtzehn nach Zwölf. Das Morgen, es nähert sich. Die Distanz zwischen den beiden ist kleiner als zuvor. Sie hat ihre Beine über die seinen gelegt, und irgendwie sieht das schön aus. Richtig. Während ich mich räuspere, spüre ich, dass ich dieses Spiel nicht zu weit treiben kann. Na mach, lies es vor und dann mach, dass du verschwindest. In seinen Worten liegt weniger Ernst, als man vermuten möchte und mehr Schwere, als seine Lachfalten zugeben wollen. Gut, gut, nur dieses eine Gedicht, als Abschiedsgruß, wenn ihr also gestattet? Ich hebe an, lese langsam. Als wäre es nicht das erste Mal, dass ich eines vortrage. Es ist das erste Mal. Ich glaube, das letzte Mal liegt neunzehn Jahre zurück und ich stand mir vier anderen in einer Reihe, wir mussten die Bürgschaft hersagen, immer abwechselnd eine Strophe. Ich war dreizehn und hatte nicht den blassesten Schimmer. Aber jetzt lese ich die Worte eines Anderen und versuche sie durch das Lesen zu meinen zu machen. Sie zu leben, zu erleben und das nicht nur damit ich spüre, dass ich lebe. Es ist mein erstes Mal. Schön, sagt sie. Typisch für dich, sagt er. Lass mich mit deinem Quatsch in Ruhe. Und ich weiß, dass er es nicht genauso meint wie er das sagt. Worauf wollen wir trinken, frage ich und hebe mein Glas. Auf euch, sage ich. Auf dich sagt sie. Auf uns, sagt er. Ich hätte noch das mit den Tuberosen, sage ich, ich könnte es auswendig, „... dass uns nach all der heißen Tagesglut, nicht eine Nacht gehört...“ jetzt geh endlich, und er tritt halbherzig nach mir, ihre Beine hüpfen. „Hey“, beschwert sie sich. Sie hat schöne Beine. Langsam, als müsste ich jeden Moment auskosten, wie ich jeden Moment auskoste, wenn ich diese Geschichte erzähle, erhebe ich mich. Langsam greife ich nach meinem Mantel. Schwinge mich hinein. Küsse ihre Hand. Schüttle die seine. Macht es gut, ihr beiden, aber nicht zu lang. Und nicht zu oft. Diesmal ist sein Ärger echter. Raus, ist alles, was er sagt. Weißt du, fährt er fort, wenn du nicht ein so verdammter Idiot wärst, wäre ich langweilig, falle ich ihm in seinen Satz. Ich weiß, sage ich. Schenk es dir. Dann, ein schneller Griff, ich bin hinaus zur Tür, die halbvolle Flasche in meiner Hand. Sein Schuh prallt gegen das Holz. Draußen auf der Straße, Neujahr. Ich schwenke meine Flasche, als wäre es die Trikolore, inmitten von Scharen von Menschen.
f.k.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Short Stories (4): Nichts bewegen

Nichts bewegen. Nicht sprechen. Nach links sehen.
Gut.

Während sie sprach, drückte sie immer wieder auf den Auslöser. Seltsam, ich werde durch eine Linse betrachtet, bin zum Objekt geworden. Ich hätte gerne die Kamera und würde sie gerne fotographieren, wie sie um mich herumtänzelt, kniet, liegt, steht, immer wieder neue Perspektiven von mir aufzeichnet. Ich sollte die Kamera haben, dachte er. Versuch, durchs Zimmer zu gehen, sagte sie. Oder tanze ein wenig. Linkisch erhob er sich, sein rechtes Bein war eingeschlafen. Ich brauche mehr Wein, sagte er. Dann nimm dir, trink ruhig und sie rückte mit der Kamera näher an ihn heran. Ich würde gerne sehen, wie du gleichzeitig aus einem Glas Rotwein und einem Glas Wasser trinkst, kurz vor deinem Mund treffen sich die beiden Strahlen und vermischen sich. Kriegst du das hin, fragte sie. Klar, ich versuch´s zumindest, er blickte an sich hinunter, vielleicht sollte ich mich ausziehen, ich würde meine Sachen nicht versauen und der Wein, das Wasser hätten einen netten Aspekt, wenn es an mir herunter tropft, dachte er. Geht es noch, fragte sie und legte eine neue Platte auf. Achtziger Jahre. Will sie, dass ich mich ausziehe, fragte er sich, oder dass ich anfange verrückt in Zeitlupengeschwindigkeit zu tanzen? Stehe, sitze, gar nichts tue? Er setzte sich erneut auf einen der Hocker, der am Tresen stand. Ich will rauchen, sagte er. Dann rauch eine, aber lass dir Zeit, wenn du sie anzündest. Tu was du willst, solange du es langsam machst. Unnatürlich langsam, verstehst du, sagte sie. Unnatürlich langsam, wiederholte er, schon gut. Es begann zu schmerzen. Jede Bewegung seines Körpers. Wenn ich rauche, dann möchte ich rauchen, dachte er und wenn ich trinke, dann möchte ich trinken und wenn ich tanze dann möchte ich tanzen.

Drei Tage zuvor hatte sie ihn auf der Straße angesprochen. Er stand an einer Ecke, morgens. Wartete und machte nichts.

Kann ich sie fotographieren, hatte sie gefragt. Er hatte nichts geantwortet. Dann, „would you be interested in being a photo model?“ Er hatte nichts gesagt. Nur geradeaus geblickt, hinüber auf die andere Straßenseite. Zwei alte Männer saßen auf hölzernen Klappstühlen. Unterhielten sich. Sie berührte seinen Arm. Leicht. Er drehte seinen Kopf, sah sie an. Groß. Schlank. Hübsch. Dunkler Typ. Ja, sehr gern, hatte er gesagt. Morgen früh, gegen acht, sagte sie, treffen wir uns hier. Ist das in Ordnung? Ich brauche das Morgenlicht. Er hatte genickt. Ist in Ordnung. Ich heiße Martha. Alfred. Er streckte seine Hand aus. Freut mich, sagte sie. Dann ging sie. Er war geblieben. Martha.

Mir ist kalt, sagte er. Und ich möchte eine Pause. Sie setzte die Kamera ab. Ich hoffe, es ist nur ein brauchbares Bild dabei, sagte sie. Wielange fotographierst du schon, fragte er. Sie kam näher, setzte sich auf den Hocker neben ihn. Zehn Jahre, sagte sie. Aber du bist mein erster Mensch. Also der erste Mensch, den ich so sehe. Die Anderen, sie machte eine Pause, gibst du mir eine Zigarette, fragte sie, die anderen waren anders. Feuer auch?

Er beugte sich nach vorn. Danke Alfred. Die Anderen. Er fragte sich, wen sie alles hierher gebracht hatte. Profis? Studenten, die Geld brauchten? Alte, Junge, hübsche und hässliche? Ich glaube nicht, dass ich dein Erster bin, sagte er leise. Sie schwieg.

Sie sieht gut aus, wenn sie raucht, dachte er. Die Art und Weise, wie sie die Zigarette zwischen dem dritten und vierten Finger hält. Ihre Lippen schoben sich leicht nach vorn, wenn sie den Rauch ausblies. Wie ein Pferd. Ein schönes Pferd. Was siehst du mich so an, sagte sie. In ihrer Stimme schwang Unbehagen mit. Du siehst nur selbst gern, oder, fragte er. Voyeurimus. Ich sehe durch die Linse. Meine Welt lebt in Bildern. Du bist eines davon. Wir machen weiter. Das Model bestimmt, was passiert, hatte sie am Morgen gesagt. Hast du so etwas schon einmal gemacht, hatte sie ihn gefragt. Er hatte den Kopf geschüttelt.

Sie erhob sich, ging mit schnellen Schritten zu ihrer Kamera. Er sah sich um. Der Morgen war längst vorüber und das körnige Licht, das sie gesucht hatte, vergangen. Ich hoffe, dass auch nur ein einziges brauchbares Bild dabei ist, hallten ihre Worte wider. Die Hocker, die unordentlich herumstanden. Zwei Matrazen, ein weißes und ein schwarzes Laken. Die obligatorische Wand. Lampen, in verschiedener Höhe auf Stative geschraubt. Ein Kühlschrank und ein Tisch. Drüben, an der anderen Wand eine kleine Tür, daneben eine kleine Lampe. Rot. Der Eingang zur Dunkelkammer. An der Decke, große Fenster, ebenso die Wände. Immer wieder Fenster. Es ist zu hell, dachte er. Bleib da stehen, sagte sie. Es begann erneut. Ihr Finger auf dem Auslöser und seine Körperlichkeit, die sie festzuhalten versuchte. Hol dir die Handschellen und was du sonst noch magst, sagte sie und deutete auf den Schrank. Der Schrank. Er hatte ihn übersehen, oder doch nicht? Langsam ging er darauf zu. Wir machen weiter, bis es dunkel wird. Das Abendlicht. Ich will das Abendlicht. Er griff nach den Handschellen. Mit ein paar schnellen Bewegungen war sie bei ihm. Schob ihn nach zurück, ihre Hände waren nicht sanft. Fesselte ihn mit einer Hand an die Wand. Jetzt, zeig was du kannst, sagte sie und ihr Finger senkte sich wieder. Der Abend würde kommen.
f.k.

Dienstag, 1. Januar 2008

Short Stories (3): Der letzte Tag

Er sollte etwas Besonderes werden, beschloss P.
Wissen Sie, hatte er zu seinem guten alten Freund F. gesagt, wir kannten uns nun schon so viele Jahre. Ja, viele Jahre, hatte F. geantwortet, viele gute Jahre, nicht wahr mein Lieber? Er hatte genickt, wissen sie noch, wie wir im Winter den Mädchen beim Eislaufen schöne Augen machten, nur um dann festzustellen, dass ein Anderer schneller war, denn er hatte schönere Augen gehabt? Oh ja, lächelte auch F. nun, oder die Abende, die vor den Häusern unserer Angebeteten verbrachten, egal, wie kalt oder schwül es auch sein mochte. Ja, sagte P. immer waren die Frauen unser Antrieb gewesen, all die langen Jahre. Sie saßen auf dem Gehsteig, zwei hölzerne Klappstühle stützten ihre alten Körper. Wissen sie, F. sagte P, ich glaube, es ist einfach an der Zeit, zu gehen. Morgen, der letzte Tag und was käme danach? Ist es denn wichtig, zu wissen, was dann kommt, fragte sich P. Lassen sie uns nochmals rauchen, lassen sie uns, ich bin wirklich versucht, dass vorzuschlagen, mein Lieber, lassen sie uns Eislaufen gehen. Eislaufen? Alleine der Gedanke, seine Knie auf den dünnen spitzen Kufen der nicht mehr sehr zuverlässigen Beherrschung seiner Selbst anzuvertrauen, verursachte P. Schmerzen. Er konnte die Stürze bereits fühlen, aber er wusste auch, dass er nach jedem Sturz wieder aufstehen würde. Na gut, der letzte Tag, er sollte etwas besonderes werden, also, lassen sie uns Eislaufen gehen, mein guter Freund.
Sie erhoben sich. Winkten einander zum Abschied zu.

Am nächsten Tag brach die Sonne bereits früh durch die winterlichen Wolken. Sie beschien den kleinen See, an dem die beiden ihr Leben verbracht hatten, Frühlings, Sommers, Herbste und Winter. Ungezählte. Vielleicht dachten einige, die jenen beiden Männern dabei zusahen, wie sie mit wackeligen Knien die ersten Runden drehten, Oh mein Gott, warum tun sie sich das an? Noch dazu hatten P. und F. beschlossen, sich zuerst gegenseitig an der Hand zu halten. Der Sicherheit halber, wie F. gewitzelt hatte.

P. hatte Schmerzen. Körperliche. Und Seelische. Wo ist mein Mut geblieben, die Hand meines Freundes los zu lassen, wo ist mein Wagemut geblieben, jetzt diesem jungen Mädchen hinterher zu schießen, sie zu überholen und dabei zu winken? Er beschleunigte. Sie wollen es noch mal wissen, oder mein lieber P. fragte F.
Ja. Ich will es noch mal wissen.
Es wird ihnen doch nicht zu schnell, ich meine, wenn sie wünschen, dann drehen wir unsere Runden ein bisschen langsamer...
Nein, nein, sagte F. abwinkend, ganz im Gegenteil, geben Sie mir noch eine Runde Zeit, dann bin ich bereit.
P. war dankbar.
Genau eine Runde später ließ F. seine Hand los, fast wäre er gestrauchelt, als sein Freund ihn ohne Vorwarnung los ließ.
Wir sehen uns am Ende der Runde, rief F. und zog davon.
Das werden wir sehen, sagte P. und trat an.
Und die, die zuvor noch zwei alten Männern mit wackeligen Knien mitleidsvoll dabei zugesehen hatten, wie sie sich an einer Sache versuchten, die vielleicht ein wenig zu groß geraten war, die staunten nun.
Die Mädchen winkten zurück.
Die Sonne brach Strahlen auf dem Eis.
f.k.

(Foto: zzathras777/flickr)

Montag, 31. Dezember 2007

Studentenleben

Bis La- denschluß keine Spur vom Laden- schreiber.

Sonntag, 30. Dezember 2007

Short Stories (2): Ein Herr im besten Alter

Wenn ich das höre, ein Herr im besten Alter, dann denke ich an einen Vater. Also einen, der den Kinderwagen die Straße entlang schiebt und seine Frau nie im Leben betrügen würde, sagt sie. Wenn ich das höre, dann denke ich an einen Mann. Ob der Vater ist, oder nicht, ist mir egal, sagt ihre Freundin. Wenn ich das höre, ein Herr im besten Alter, dann denke ich an mich, sage ich. Kichern. Abschätzige Blicke.

Ich meine, was ist denn ein Herr im besten Alter für euch denn wirklich frage ich. Erfahrung, sagt sie. Geld, sagt die andere. Selbstsicherheit, sagt sie. Die wissen einfach, was sie wollen, sagt ihre Freundin. Ich weiß, was ich will, denke ich mir, aber ist klar, dass es besser ist, jetzt zu schweigen. Stattdessen hebe ich meine Hand. Noch eine Flasche, schicke ich den jungen Kellner wieder fort, in seinen Augen lese ich deutlich den Neid, den er verspürt. Aber das gibt mir keine Genugtuung, im Gegenteil, denn ich weiß, er wird eines Tages meinen Platz einnehmen. Bis es jedoch soweit war, würde ich jeden Moment absolut auskosten. Bis sie mich dann für irgendwelche jungen Männer verlassen würden, würde ich ihre Jugend genießen. Also, der Kellner, hast du gesehen, sagt sie zu ihrer Freundin. Ja, klar, antwortet die andere und mir wird sofort klar, dass ich, egal, wie sehr ich auf mein Alter pochen würde, wie sehr ich meine Erfahrung nach draußen tragen würde, meine Selbstsicherheit und Männlichkeit mit den grauen Schläfen hofierte, jeden Tag ein wenig mehr in eine ganz ausgekochte Unratsache hineingeraten müsste. Müde versuche ich mir den Inhalt meiner Lektüre in der elften Klasse der städtischen Oberschule ins Gedächtnis zu rufen, der Prof. Unrat, wie war das gewesen, es gab da die Dietrichverfilmung, hatte ich auch einmal gesehen. Strumpfband und Gesang, soviel war hängen geblieben. Dann, der ältere Herr, der sich in eine junge Tänzerin verliebte. Die Bedeutung dieser Worte war mir mit siebzehn Jahren natürlich nicht klar gewesen und selbst jetzt, wo ich selbst mit zwei Tänzerinnen an einem Tisch sitze, verstehe ich das Ganze nur undeutlich. Denn soviel steht fest: Ich war sicherlich nicht in eine der beiden verliebt. Ganz im Gegenteil. Das hier war Geschäft. Ein Kontrakt. Geben und Nehmen. Jugendliche Frische gegen Erfahrung. Alltäglich und damit absolut normal. Aber wieso fühle ich mich unbehaglich, als sie anfangen, mit dieser älteren Herrensache? Irgendwann mit Anfang zwanzig, war ich mit einer zusammen gewesen, eine Schauspielschülerin. Klar war mir damals, dass sie nie meine große Liebe sein würde, ebenso wie mir klar war, dass es eine Liason auf begrenzte Zeit sein musste, denn damals waren diese Liasons à durée déterminée gang und gäbe. En Vogue sozusagen. Was hast du gesagt, fragt mich die linke und auch ihre Freundin wendet ihre Aufmerksamkeit sofort wieder in meine Richtung. Was ist En Vogue mein Lieber? Das mein Lieber klingt aus ihrem Mund ein bisschen schmerzhaft. Und abgesehen davon sind Liason und durée déterminée zwei derart gegensätzliche Begriffe, dass sie nicht unter einen Hut zu bringen waren. En Vogue? Ich finde, es ist durchaus en vogue, sich einen älteren Herren zu leisten, oder meint ihr etwa nicht? Genüsslich lehne ich mich zurück, breite die Arme aus, und warte auf ihren Protest. Schließlich habe ich gerade eine Grenze überschritten, die ich nicht überschreiten sollte. Aber zu meinem Erstaunen kommt nichts.

Weder ein geringschätziger Blick, noch ein Wort des Widerspruchs. Noch, was vielleicht in diesem Moment die beste Reaktion gewesen wäre, mir ein Glas ins Gesicht zu schütten und mich einfach sitzen zu lassen. Nein, es kam einfach nichts. Und in diesem Moment passierte etwas Außergewöhnliches. All die Jahre meiner Erfahrung, all der mühsam antrainierte Zynismus, es verschwand einfach so. Wäre mir nicht durch meinen Körper jeden Morgen eindrucksvoll gezeigt worden, dass ich altere, unbarmherzig und unaufhaltsam, ich hätte mich fast für Anfang zwanzig gehalten. Neben mir würden nicht die beiden Mädels sitzen, deren Namen morgen für mich bereits wieder Vergangenheit sind, fünfzig Jahre achtundneunzig Tage und am Tag plus X saß ich mit zweien zusammen, nein, neben mir säße Lara. Lara, die Schauspielschülerin, mit den rötlichen Haaren und dem ewig schmollenden Mund, Lara mit den Frauenaugen und dem Mädchenkörper, Lara mit Herz in der Hand und der Liebe im Mund. Lara, die mich eines Morgens anrief und sagte, wirf meine Sachen weg, wenn du willst, ich bin in Mailand. Ob ich wiederkomme, weiß ich nicht, sei mir nicht böse, aber ich glaube ich werde Model. Lara, was zur Hölle machst du in Mailand, fragte ich damals ungläubig, obwohl ich den nächsten Satz bereits kannte, ich bin mit Antonio hier, sagte sie, erinnerst du dich, Antonio von der letzten Filmparty, auf der wir zusammen waren. Dann sagte sie noch, Ciao, mach's gut und das klang in diesem Moment so endgültig, wie selten in meinem Leben. Lara, hatte ich in den Hörer hinein geschrieen, Lara spinnst du, komm zurück, du brauchst mich doch, und ich brauche dich, und weißt du denn nicht mehr, der Sommer, du und ich? Das hatte sie nicht mehr gehört, vielleicht hatte sie den Hörer selbst noch aufgelegt, vielleicht war es auch Antonio gewesen, der ihr sanft den Hörer aus der Hand genommen hatte, meine sich überschlagende Stimme, die gedämpft aus der Muschel drang und dabei gesagt, No Bella, ist gut. Va Bene. Komm, meine Hübsche, und noch während er den Hörer auf die Gabel warf, ihre Hand genommen, draußen stand dann der rote Alfa Romeo im offenen Verdeck. Tuch im Haar und Sonnenbrille auf ihrer Nase. Er, mit seiner Hand auf ihrem Oberschenkel. Bis heute weiß ich nicht, ob das damals wirklich so passierte oder nicht, denn über die Jahre hatte ich meine Erinnerung daran immer weiter weg geschoben, aber jetzt, die Beiden neben mir, fiel mir Lara ein. Wenn ich damals, aus meiner jungenhaften Unwissenheit heraus eine Grenze überschritten hatte, saß sie nur da und sah mich an. Es passierte oft. Aber nie tat sie das, was ich dann erwartete, immer geschah etwas anderes. Sie überraschte mich öfter, als mich seitdem wieder eine Frau überrascht hatte. Mein Liebster, sagt die eine, die links von mir sitzt, sie legt ihren Kopf an meine Schulter, du bist ein toller Mann. Die andere, die rechte, lehnt sich ebenfalls an. Ja, das bist du wirklich, sagt auch sie. Du bist großzügig. Witzig. Gut aussehend. Charmant, sagt die linke. Eigentlich bist du genau das, was Frauen wollen, sagt ihre Freundin. Ich weiß, was jetzt kommt. Sie würden mir erklären, dass sie schrecklich unglücklich damit seien, dass sie nicht mit mir kommen könnten. Wollen wir uns nicht wieder sehen, fragt mich die linke. Gern, sage ich und sehe der Rechten in die Augen. Die blicken frei und unverfangen zurück, bekommen wir deine Nummer, fragt die Linke. Gern, sage ich und weiß, dass es jetzt unmöglich ist. Morgen, sage ich. Ich gebe dem jungen Mann mit einem leichten Kopfnicken zu verstehen, dass er doch bitte unverzüglich eine weitere Flasche sowie Eis bringen möchte.
f.k.

Freitag, 28. Dezember 2007

Frühstück – spät, aber süß-sauer

Donnerstag bis drei Uhr gesumpft, Schumann's, X-cess und irgendeine Kaschemme an der Fraunhoferstraße, Wodka-Bier satt, einen Obstler obendrein, dann noch – ohne Dahlmann-Disclaimer – gebloggt und um sieben Uhr früh wieder aus dem Bett. Frühstück ging gar nicht. Auf den letzten Drücker eine Cola gegen den Brechreiz und dann den Laden aufgesperrt. Gegen Mittag dann das Rettungskommando mit Cappuccini, Bruschetta, Gorgonzola-Panini, Joghurt mit frischen Früchten und – auf meine Bitte hin – Suppe süß-sauer vom Asiaten um die Ecke. Déjeuner, nicht sur l'herbe, aber durchaus im Freien.