Sonntag, 20. April 2008

Cinderella in der Mensa

Klasse war's. Für einen Abend bin ich wieder zum Händler geworden und habe bei Nachtkonsum 2.0, dem Nightmarket in der LMU-Mensa, Bücher, Videos, CDs, Geschirr und Swarovski-Pflaster verkauft äh, nein, nicht zwingend verkauft, aber angeboten. Bei den Ally-McBeal-Videos haben mich die Studentinnen angegafft, als ob ich assyrische Keilschriftplatten anböte. Aus dem Freundeskreis waren nur f.k., Hans, Mirela und einige Bedienungen aus dem 61er und Nido da, aber Spaß hat's dennoch gemacht. Nicht zuletzt dank der regelmäßig nachgefüllten 50 Gramm Wodka. Um Mitternacht habe ich mich dann wieder in einen Journalisten zurückverwandelt und bin auf 'ne Studentenfete. Mit der halbvollen Liter-Flasche Absolut war ich ein willkommener Gast.

Update: Super-Mucke während des Flohmarkts, fast so gut wie die Musik bei mir im Laden, nur daß man in der Mensa zum Rauchen rausgehen mußte.)

Update zum Nachtkonsum 2009






Freitag, 18. April 2008

Kleines Comeback

Da man nie weiß, wozu man seine Fertigkeiten noch brauchen wird, steige ich morgen wieder in den Buchhändlerring: Beim Nachtkonsum 2.0, dem abendlichen Flohmarkt in der LMU-Mensa an der Leopoldstraße werde ich Samstag einen kleinen Stand haben. Für Besucher kostet das Ganze 2 Euro Eintritt, anfangen wird's um 19 Uhr, und Schluß ist zwischen Mitternacht und 3 Uhr früh. Bis morgen nachmittag kann hier in der Kommentarliste noch gewünscht werden, was ich mitbringen soll: Französische Belletristik, englische Sachbücher, Judaika, CDs mit Russenpop oder französischen Chansons, ein paar „Ally-McBeal“-Staffeln auf Video (OmfU), deutsche Literaturklassiker auf CD-Rom oder lieber ganz was anderes? Nur Wodka werde ich auf jeden Fall dabei haben, aber der wird nicht verkauft, sondern guten Freunden ausgegeben. 100 Gramm, zimmerwarm.

Sonntag, 6. April 2008

Rot-blaues Streitgespräch

Wenn der Darchinger Thomas nicht gerade wieder irgendeinen Fiesen vor der Kamera darstellt, produziert er einen nicht unsympathischen Videopodcast, der ganz anderen Fiesen gewidmet ist, den roten Schnöseln vom FC Bayern. „Wir elf“ heißt die recht erfolgreiche Internet-Show, und letztes Jahr suchte mich das Drehteam unangemeldet in meinem Buchladen auf. Entsprechend lange stand ich auf der Leitung, was interessiert es mich auch, wenn der FCB im Loser-Cup auf die Bolton Wanderers trifft, und so wie ich früher im Erdkundeunterricht immer auf die indischen Zwergelefanten oder die glorreichen Errungenschaften der Sowjetbevölkerung auswich, wenn mir zur tatsächlichen Frage des Lehrer keine Antwort einfiel, rettete ich mich diesmal vom Bayern-Thema zum TSV 1860 München. Nicht daß ich da unbedingt viel mehr Ahnung hätte, aber doch mehr Leidenschaft... Für eine Ausstrahlung hat's aber dennoch nicht gereicht, nicht einmal zum Derby neulich. Ich muß wohl noch an meiner Fernsehtauglichkeit arbeiten und vor allem dieses debile Grinsen abstellen.

Montag, 31. März 2008

Geschichte, farbig

Jetzt ist's zwar fast schon hundert Tage lang passé, aber das eine oder andere Erinnerungsstück schappt doch noch an die Oberfläche. So hat Volker Derlath für die „Süddeutsche Zeitung“ nicht nur schwarzweiß fotografiert, sondern auch ein paar Motive in Farbe geschossen.



Freitag, 15. Februar 2008

DP ist der Schlüssel

Meine Brüder und ich sind zwar in der Diaspora geboren, meine Eltern waren schon Jahrzehnte nicht mehr in ihrer Heimat gewesen, aber nichtsdestotrotz sprechen wir daheim Rumänisch, sind wir alle orthodox getauft und haben alle drei die Initialen DP: Dinu, Dan und Dorin Popa. DP für Displaced Person. Das führte schon öfters dazu, daß der eine oder andere gemeinsame Freund mit unseren Vornamen durcheinander kam. Und gestern erstmals zu einem positiven Ergebnis: Wochen nach Auflösung unserer Buchhandlung traf endlich der letzte fehlende Ladenschlüssel ein, den unsere Großhändler genutzt hatte, um frühmorgens die bestellten Bücher anliefern zu können. Adressiert war das Einschreiben mit Rückschein zwar an meine Münchner Hausanschrift, aber als Empfänger stand mein Frankfurter Bruder Dinu auf dem Umschlag. „Dinu, hm, das ist doch sicherlich eine Abkürzung für Dorin“, meinte der Schalterbeamte in der Angererpost, als ich das Einschreiben abholen wollte. Wer will ihm da schon widersprechen?

Mittwoch, 9. Januar 2008

Donnerstag, 3. Januar 2008

Die letzte Vorstellung

Gegen 9 Uhr haben wir mit dem Ausräumen angefangen, und um halb vier waren mein Bruder, seine Frau, ich und der Lademeister fertig.

Die entscheidende Frage

Wie lange muß ich zu den Leuten auf der Straße noch freundlich sein?

Short Stories (5): Brennen

(für Wanda)

„morgen wirst du dich nicht mehr bewegen können, das verspreche ich dir“

Er lachte lauthals auf. Darauf freue ich mich, sagte er. Ich sehe sie an, die beiden, wie sie in den entgegen gesetzten Enden einer abgewetzten Ledercouch sitzen. Die Körper einander zugewandt. Die Augen in die des Anderen gebohrt. Als würden sie nur darauf warten, dass es geschieht. Sein Kopf dreht sich in meine Richtung und die Vorfreude ist nicht zu übersehen. Das Morgen. Dann, ihre Nasenflügel zittern leicht, sie atmet und ihre Gedanken weilen in der Zukunft. Meine Arme schmerzen, sagt er und meine Beine auch. Beide lachen. Wann hörte ich das letzte Mal diesen Satz von einer Frau? Nicht, als ich mit Wanda in die Berge wollte, dort keuchten wir uns beide die stadtverlassene Lunge aus dem Leib. Leib. Kennt ihr Majakowski, frage ich, und seine Wirbelsäulenflöte? Sie blicken mich an und in ihren Augen nur die stumme Verachtung der Glücklichen, dass ich es gewagt habe, das Band zu unterbrechen, dass sie beide aus den Ecken in die Mitte ziehen wird. Oder die Melancholie der Ziehharmonika, wenn sie einsam an einer Straßenecke von einem längst vorübergegangen Lächeln erzählt? Lass uns mit deinem Pathos in Ruhe, sagt er und sie lächelt nur, lass ihn, er hat ein gebrochenes Herz und einen Tripper vielleicht noch drauf, werfe ich ein. Jetzt lachen wir alle. Ob er noch von Wanda ist, oder von einer Anderen? Aber spielt das eine Rolle, frage ich mich, warum gehst du nicht zu einem Arzt, sagt er. Weshalb sollte ich, warten wir doch erstmal auf das Morgen. „Gestern hast du das schon gesagt, und ebenso vorgestern“. Das Gestern, das Morgen, was interessiert mich das? „Ich weiß“. Du bist ein Idiot, willst du, dass du unfruchtbar wirst, nichts mehr mit deinen Kinderwünschen für später, oder willst du, dass dir langsam der Schwanz abfault. Quatsch, sage ich. Es brennt nur ein bisschen, nicht annähernd so stark, wie ein gebrochenes Herz. Herzen brennen nicht, wenn sie gebrochen sind, sie bluten, sagt sie. Lass mich mit deinem Pathos zufrieden, sage ich. Will noch jemand einen Schluck, fragt er. In der Mitte, die Magnumflasche, erst zur Hälfte geleert, drei Tage alt, aber es schmeckt noch. Es prickelt noch. Leiser. Aber es prickelt noch. Ich muss los, sage ich. Dann verschwinde, antwortet er. „Nach einer Zigarette“ und ich greife in meine Tasche, ziehe Kippen und einen Zettel heraus. Also, Wirbelsäulenflöte, lese ich vor.

Verschon uns bitte. Siehst du nicht, dass wir glücklich sind? Natürlich und deswegen schenke ich euch das. Als Dreingabe sozusagen. Wenn es sein muss, aber mach schnell, sagt sie. Achtzehn nach Zwölf. Das Morgen, es nähert sich. Die Distanz zwischen den beiden ist kleiner als zuvor. Sie hat ihre Beine über die seinen gelegt, und irgendwie sieht das schön aus. Richtig. Während ich mich räuspere, spüre ich, dass ich dieses Spiel nicht zu weit treiben kann. Na mach, lies es vor und dann mach, dass du verschwindest. In seinen Worten liegt weniger Ernst, als man vermuten möchte und mehr Schwere, als seine Lachfalten zugeben wollen. Gut, gut, nur dieses eine Gedicht, als Abschiedsgruß, wenn ihr also gestattet? Ich hebe an, lese langsam. Als wäre es nicht das erste Mal, dass ich eines vortrage. Es ist das erste Mal. Ich glaube, das letzte Mal liegt neunzehn Jahre zurück und ich stand mir vier anderen in einer Reihe, wir mussten die Bürgschaft hersagen, immer abwechselnd eine Strophe. Ich war dreizehn und hatte nicht den blassesten Schimmer. Aber jetzt lese ich die Worte eines Anderen und versuche sie durch das Lesen zu meinen zu machen. Sie zu leben, zu erleben und das nicht nur damit ich spüre, dass ich lebe. Es ist mein erstes Mal. Schön, sagt sie. Typisch für dich, sagt er. Lass mich mit deinem Quatsch in Ruhe. Und ich weiß, dass er es nicht genauso meint wie er das sagt. Worauf wollen wir trinken, frage ich und hebe mein Glas. Auf euch, sage ich. Auf dich sagt sie. Auf uns, sagt er. Ich hätte noch das mit den Tuberosen, sage ich, ich könnte es auswendig, „... dass uns nach all der heißen Tagesglut, nicht eine Nacht gehört...“ jetzt geh endlich, und er tritt halbherzig nach mir, ihre Beine hüpfen. „Hey“, beschwert sie sich. Sie hat schöne Beine. Langsam, als müsste ich jeden Moment auskosten, wie ich jeden Moment auskoste, wenn ich diese Geschichte erzähle, erhebe ich mich. Langsam greife ich nach meinem Mantel. Schwinge mich hinein. Küsse ihre Hand. Schüttle die seine. Macht es gut, ihr beiden, aber nicht zu lang. Und nicht zu oft. Diesmal ist sein Ärger echter. Raus, ist alles, was er sagt. Weißt du, fährt er fort, wenn du nicht ein so verdammter Idiot wärst, wäre ich langweilig, falle ich ihm in seinen Satz. Ich weiß, sage ich. Schenk es dir. Dann, ein schneller Griff, ich bin hinaus zur Tür, die halbvolle Flasche in meiner Hand. Sein Schuh prallt gegen das Holz. Draußen auf der Straße, Neujahr. Ich schwenke meine Flasche, als wäre es die Trikolore, inmitten von Scharen von Menschen.
f.k.

Zurück ins Prekariat

Der offensichtlichste Unterschied zwischen meinem Leben als Buchhändler und der Existenz eines Freelancers: Ich brauchte mich mit niemandem zu verabreden, denn meine Freunde kamen von selbst in den Laden. Ich mußte keine Mädels in Cafés oder auf der Straße ansprechen, denn sie kamen in meinen Laden. Ich mußte mir kein Geld leihen, denn als Händler haste immer Cash in de Täsch.