Sonntag, 30. Dezember 2007

Short Stories (2): Ein Herr im besten Alter

Wenn ich das höre, ein Herr im besten Alter, dann denke ich an einen Vater. Also einen, der den Kinderwagen die Straße entlang schiebt und seine Frau nie im Leben betrügen würde, sagt sie. Wenn ich das höre, dann denke ich an einen Mann. Ob der Vater ist, oder nicht, ist mir egal, sagt ihre Freundin. Wenn ich das höre, ein Herr im besten Alter, dann denke ich an mich, sage ich. Kichern. Abschätzige Blicke.

Ich meine, was ist denn ein Herr im besten Alter für euch denn wirklich frage ich. Erfahrung, sagt sie. Geld, sagt die andere. Selbstsicherheit, sagt sie. Die wissen einfach, was sie wollen, sagt ihre Freundin. Ich weiß, was ich will, denke ich mir, aber ist klar, dass es besser ist, jetzt zu schweigen. Stattdessen hebe ich meine Hand. Noch eine Flasche, schicke ich den jungen Kellner wieder fort, in seinen Augen lese ich deutlich den Neid, den er verspürt. Aber das gibt mir keine Genugtuung, im Gegenteil, denn ich weiß, er wird eines Tages meinen Platz einnehmen. Bis es jedoch soweit war, würde ich jeden Moment absolut auskosten. Bis sie mich dann für irgendwelche jungen Männer verlassen würden, würde ich ihre Jugend genießen. Also, der Kellner, hast du gesehen, sagt sie zu ihrer Freundin. Ja, klar, antwortet die andere und mir wird sofort klar, dass ich, egal, wie sehr ich auf mein Alter pochen würde, wie sehr ich meine Erfahrung nach draußen tragen würde, meine Selbstsicherheit und Männlichkeit mit den grauen Schläfen hofierte, jeden Tag ein wenig mehr in eine ganz ausgekochte Unratsache hineingeraten müsste. Müde versuche ich mir den Inhalt meiner Lektüre in der elften Klasse der städtischen Oberschule ins Gedächtnis zu rufen, der Prof. Unrat, wie war das gewesen, es gab da die Dietrichverfilmung, hatte ich auch einmal gesehen. Strumpfband und Gesang, soviel war hängen geblieben. Dann, der ältere Herr, der sich in eine junge Tänzerin verliebte. Die Bedeutung dieser Worte war mir mit siebzehn Jahren natürlich nicht klar gewesen und selbst jetzt, wo ich selbst mit zwei Tänzerinnen an einem Tisch sitze, verstehe ich das Ganze nur undeutlich. Denn soviel steht fest: Ich war sicherlich nicht in eine der beiden verliebt. Ganz im Gegenteil. Das hier war Geschäft. Ein Kontrakt. Geben und Nehmen. Jugendliche Frische gegen Erfahrung. Alltäglich und damit absolut normal. Aber wieso fühle ich mich unbehaglich, als sie anfangen, mit dieser älteren Herrensache? Irgendwann mit Anfang zwanzig, war ich mit einer zusammen gewesen, eine Schauspielschülerin. Klar war mir damals, dass sie nie meine große Liebe sein würde, ebenso wie mir klar war, dass es eine Liason auf begrenzte Zeit sein musste, denn damals waren diese Liasons à durée déterminée gang und gäbe. En Vogue sozusagen. Was hast du gesagt, fragt mich die linke und auch ihre Freundin wendet ihre Aufmerksamkeit sofort wieder in meine Richtung. Was ist En Vogue mein Lieber? Das mein Lieber klingt aus ihrem Mund ein bisschen schmerzhaft. Und abgesehen davon sind Liason und durée déterminée zwei derart gegensätzliche Begriffe, dass sie nicht unter einen Hut zu bringen waren. En Vogue? Ich finde, es ist durchaus en vogue, sich einen älteren Herren zu leisten, oder meint ihr etwa nicht? Genüsslich lehne ich mich zurück, breite die Arme aus, und warte auf ihren Protest. Schließlich habe ich gerade eine Grenze überschritten, die ich nicht überschreiten sollte. Aber zu meinem Erstaunen kommt nichts.

Weder ein geringschätziger Blick, noch ein Wort des Widerspruchs. Noch, was vielleicht in diesem Moment die beste Reaktion gewesen wäre, mir ein Glas ins Gesicht zu schütten und mich einfach sitzen zu lassen. Nein, es kam einfach nichts. Und in diesem Moment passierte etwas Außergewöhnliches. All die Jahre meiner Erfahrung, all der mühsam antrainierte Zynismus, es verschwand einfach so. Wäre mir nicht durch meinen Körper jeden Morgen eindrucksvoll gezeigt worden, dass ich altere, unbarmherzig und unaufhaltsam, ich hätte mich fast für Anfang zwanzig gehalten. Neben mir würden nicht die beiden Mädels sitzen, deren Namen morgen für mich bereits wieder Vergangenheit sind, fünfzig Jahre achtundneunzig Tage und am Tag plus X saß ich mit zweien zusammen, nein, neben mir säße Lara. Lara, die Schauspielschülerin, mit den rötlichen Haaren und dem ewig schmollenden Mund, Lara mit den Frauenaugen und dem Mädchenkörper, Lara mit Herz in der Hand und der Liebe im Mund. Lara, die mich eines Morgens anrief und sagte, wirf meine Sachen weg, wenn du willst, ich bin in Mailand. Ob ich wiederkomme, weiß ich nicht, sei mir nicht böse, aber ich glaube ich werde Model. Lara, was zur Hölle machst du in Mailand, fragte ich damals ungläubig, obwohl ich den nächsten Satz bereits kannte, ich bin mit Antonio hier, sagte sie, erinnerst du dich, Antonio von der letzten Filmparty, auf der wir zusammen waren. Dann sagte sie noch, Ciao, mach's gut und das klang in diesem Moment so endgültig, wie selten in meinem Leben. Lara, hatte ich in den Hörer hinein geschrieen, Lara spinnst du, komm zurück, du brauchst mich doch, und ich brauche dich, und weißt du denn nicht mehr, der Sommer, du und ich? Das hatte sie nicht mehr gehört, vielleicht hatte sie den Hörer selbst noch aufgelegt, vielleicht war es auch Antonio gewesen, der ihr sanft den Hörer aus der Hand genommen hatte, meine sich überschlagende Stimme, die gedämpft aus der Muschel drang und dabei gesagt, No Bella, ist gut. Va Bene. Komm, meine Hübsche, und noch während er den Hörer auf die Gabel warf, ihre Hand genommen, draußen stand dann der rote Alfa Romeo im offenen Verdeck. Tuch im Haar und Sonnenbrille auf ihrer Nase. Er, mit seiner Hand auf ihrem Oberschenkel. Bis heute weiß ich nicht, ob das damals wirklich so passierte oder nicht, denn über die Jahre hatte ich meine Erinnerung daran immer weiter weg geschoben, aber jetzt, die Beiden neben mir, fiel mir Lara ein. Wenn ich damals, aus meiner jungenhaften Unwissenheit heraus eine Grenze überschritten hatte, saß sie nur da und sah mich an. Es passierte oft. Aber nie tat sie das, was ich dann erwartete, immer geschah etwas anderes. Sie überraschte mich öfter, als mich seitdem wieder eine Frau überrascht hatte. Mein Liebster, sagt die eine, die links von mir sitzt, sie legt ihren Kopf an meine Schulter, du bist ein toller Mann. Die andere, die rechte, lehnt sich ebenfalls an. Ja, das bist du wirklich, sagt auch sie. Du bist großzügig. Witzig. Gut aussehend. Charmant, sagt die linke. Eigentlich bist du genau das, was Frauen wollen, sagt ihre Freundin. Ich weiß, was jetzt kommt. Sie würden mir erklären, dass sie schrecklich unglücklich damit seien, dass sie nicht mit mir kommen könnten. Wollen wir uns nicht wieder sehen, fragt mich die linke. Gern, sage ich und sehe der Rechten in die Augen. Die blicken frei und unverfangen zurück, bekommen wir deine Nummer, fragt die Linke. Gern, sage ich und weiß, dass es jetzt unmöglich ist. Morgen, sage ich. Ich gebe dem jungen Mann mit einem leichten Kopfnicken zu verstehen, dass er doch bitte unverzüglich eine weitere Flasche sowie Eis bringen möchte.
f.k.

Kommentare:

Marc hat gesagt…

Schön... Ich überlege nun gerade, ob ich jetzt nach dem lesen dieser feinen Short-Story leicht melancholisch werden muß/soll oder doch eher ebenfalls eine nächste Flasche bestelle. Oder gar beides?

Dorin Popa hat gesagt…

Tröste Dich mit zwei jungen Mädels, das hilft am besten...

Kapinskis Schelling 48 hat gesagt…

lieber herr D.

Bitte meinen Namen in f.k. abändern,
mnit dank vom verfasser
f.k.

Kapinskis Schelling 48 hat gesagt…

at marc: danke fürs kompliment
und at herrn popa...
ich erbitte die namensänderung sonst gibts saures.-)
und abgesehen davon hast du das
für d. weggelassen.
...

Dorin Popa hat gesagt…

Habe es doch schon vor einer Stunde geändert!?